3. Die Schülerebene Individuelle Hilfen

Um die Verhaltensprobleme Ihres Schülers effektiv zu vermindern, sind, neben Veränderungen auf Schul- und Klassenebene, auch individuelle Unterstützungen wichtig und hilfreich. Zentral hierbei ist, dass Sie mit Ihrem Schüler eine positive Beziehung aufbauen. Häufig geraten Lehrer mit Schülern, die unruhige, impulsive und unaufmerksame Verhaltensprobleme aufweisen, in eine Art Teufelskreis: Der Lehrer ermahnt ständig das Kind, wird schließlich ärgerlich und weiß nicht mehr, was er tun soll. Wenn es dem Kind aber schließlich gelingt, den Aufforderungen nachzukommen, dann ist der Lehrer so froh, mit dem Unterricht weitermachen zu können und kommt nicht mehr dazu, das Kind zu loben oder ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Dies trägt zur Aufrechterhaltung und Verstärkung der Problematik bei. Wichtig ist es, dass dieser Teufelskreis durchbrochen wird. Denn erst dann können die nächsten Schritte erfolgen: Nämlich klare Regeln aufstellen, wirkungsvolle Aufforderungen geben und positive wie auch negative Konsequenzen setzen. Auch Belohnungspläne können dann zum Einsatz kommen.


1. Durchbrechen Sie den Teufelskreis!

Im Ratgeber ADHS (Döpfner et al., 2007) wird anhand eines Interaktionsmodells (Teufelskreis) aufzeigt wie sich Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit ADHS durch die Entwicklung negativer Eltern-/ Lehrer-Kind-Interaktionen verschlimmern können und es werden grundlegende Regeln für Lehrer zum Umgang mit Kindern mit ADHS entwickelt. 

Eine wichtige Basis für das Durchbrechen des Teufelskreises besteht darin, noch einmal verstärkt die positiven Eigenschaften des Kindes zu betrachten. Denn neben den vielen bestehenden Problemen gibt es häufig doch immer noch Dinge, die das Kind gut macht und die Sie an Ihrem Schüler wertschätzen können. Es geht nicht darum, die Probleme, die da sind, schönzureden. Wir wollen Ihnen vielmehr einige Vorschläge machen, die Ihnen helfen sollen, eine negative Sichtweise, in die man bei Schülern mit Problemverhalten schnell hineinrutschen kann, ein wenig zu korrigieren. Mit diesen Maßnahmen werden sich sicher nicht alle Probleme lösen lassen, aber es ist häufig hilfreich, sich noch einmal vermehrt auf Positives zu konzentrieren und auch mit Ihrem Schüler darüber zu sprechen. Nach unseren Erfahrungen können sich dadurch die Stimmung und die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Schüler verbessern und Spannungen sowie festgefahrene Verhaltensmuster können sich langsam wieder auflösen.

  1. Achten Sie besonders auf das, was Ihnen an Ihrem Schüler gut gefällt (ist fantasievoll, sportlich ...)
  2. Beachten Sie auch Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten (denkt daran, sein Stuhl hochzustellen ...)
  3. Achten Sie besonders auf Situationen, die Sie mit Ihrem Schüler als angenehm erleben
  4. Achten Sie darauf, wenn üblicherweise schwierige Situationen besser laufen als sonst
  5. Zeigen Sie Ihrem Schüler, wenn Sie etwas gut finden
  6. Schreiben Sie am Ende des Tages auf, was gut gelaufen ist (siehe auch Das Positivtagebuch)
  7. Sprechen Sie mit Ihrem Schüler über positive Ereignisse des Tages
  8. Ewarten Sie keine Wunder!

2. Geben Sie wirkungsvolle Aufforderungen!

Aufforderungen sind verbale und nonverbale Anweisungen an Schüler, die auf die Einhaltung von Regeln oder spontan erfolgen. Eine Aufforderung sollte nur dann gestellt werden, wenn Sie anschließend dazu in der Lage sind, zu überprüfen, ob der Schüler diese auch befolgt. 

Wirkungsvolle Aufforderungen:

  • sind klar und eindeutig formuliert (und nicht als Bitte)
  • werden gestellt, wenn der Schüler aufmerksam ist
  • enthalten nur eine Anweisung (ansonsten Überforderung)
  • sind handlungsorientiert: der Schüler weiß genau, was von ihm erwartet wird
  • sind positiv formuliert
  • sind durchsetzbar

3. Setzten Sie Konsequenzen!

Die folgenden Punkte sollen dabei helfen, auf die Verhaltensprobleme des Schülers mit sogenannten natürlichen Konsequenzen zu reagieren und diese regelmäßig durchzuführen. Mit natürlich ist gemeint, dass die Konsequenzen sich möglichst aus dem Problemverhalten ergeben oder mit diesem im Zusammenhang stehen sollten. 

Natürliche Konsequenzen lassen sich in folgende Formen untergliedern:

  1. Wiedergutmachung und Entschuldigung: Hierbei muss der Schaden, der durch das Problemverhalten entstanden ist, wiedergutgemacht werden können (z.B. der Schüler ersetzt den zerbrochenen Bleistift, er putzt den verschütteten Kakao ...)
  2. Ausschluss aus der Situation: Der Schüler wird kurzzeitig aud der entsprechenden Situation ausgeschlossen (nur dann wirksam, wenn dies von dem Schüler auch als unangenehm erlebt wird). Die Mindestzeit sollte pro Lebensjahr etwa eine Minute betragen.
  3. Entzug von Privilegien: Sie können dem Schüler Dinge entziehen, die er gerne mag (z.B. darf der Schüler nur dann neben einem Freund sitzen, wenn er diesen in Ruhe arbeiten lässt)
  4. Einengung des Handlungsspielraums: Setzten Sie negative Konsequenzen nicht durch Worte, sondern durch eigene Handlungen. Dies ist vor allem bei jüngeren Kindern sinnvoll (z.B. Sie führen das Kind an der Hand zu seinem Sitzplatz).

Bei allen Konsequenzen sollten Sie dabei auf folgende Punkte achten:

  • Negative Konsequenzen müssen durchführbar sein 
  • sie sollten möglichst zeitnah erfolgen (wenn dies nicht möglich sollten sie zumindest unmittelbar angekündigt werden und dann zum nächstmöglichen Zeitpunkt durchgeführt werden)
  • sie müssen regelmäßig erfolgen 
  • führen Sie keine langen Diskussionen mit dem Schüler

4. Erstellen Sie Belohnungspläne!

In vielen Fällen, in denen sich problematisches Verhalten verfestigt hat, hat es sich als hilfreich herausgestellt, Veränderungen durch Belohungspläne zu erreichen. Hierbei werden im wesentlichen zwei verschiedene Varianten unterschieden: der Punkte-Plan oder der Wettkampf um lachende Gesichter. Beim Punkte-Plan erhält der Schüler immer dann einen Punkt, wenn er sich an eine Regeln gehalten hat. Beim Wettkampf um lachende Gesichter wird ihm hingegen ein Punkt entzogen, wenn er das Problemverhalten zeigt und er darf die verbliebenden Punkte später gegen eine Belohnung umtauschen. 

Die Entwicklung des Punkte-Plans:

  1. Beschreiben Sie, wie das erwünschte Verhalten in der Situation aussehen müsste (z.B. Der Schüler stellt nach der Stunde seinen Stuhl hoch).
  2. Wählen Sie die Art der Punkte aus, die der Schüler erhält, wenn er sich angemessen verhält (z.B. Stempel/Smileys aus den Punkteplan)
  3. Bestimmen Sie die Verhaltensweisen, für die es einen Punkt gibt (siehe auch Mein Punkteplan)
  4. Legen Sie gemeinsam mit dem Schüler eine Wunschliste für Sonderbelohnungen an (Kakao holen, Sammelbilder, beim Kopieren helfen, ein Buntstift ...). Die Liste sollte dabei kleinere und größere Belohnungen enthalten.
  5. Bestimmen Sie die Anzahl der Punkte, die für die Sonderbelohnung notwendig sind.

Hier und ich Downloadbereich finden Sie einen Beispiel-Punkteplan sowie eine Vorlage eines Punkteplans und eines Punktekontos

Die Entwicklung des Wettkampfes um lachende Gesichter:

  1. Beschreiben Sie das problematische Verhalten des Schülers, um welches gespielt wird, möglichst genau (z.B. steht in der Klasse häufig auf). Es hat sich als günstig herausgestellt, zu Beginn, zwei störende Verhaltensweisen herauszugreifen
  2. Wählen Sie den Beginn und das Ende der Spielzeit (z.B. die ersten zwei Schulstunden)
  3. Erklären Sie den Schülern die Spielregeln: Jeden Tag wird um 10 Gesichter gespielt. Sie als Lehrer dürfen immer dann ein Gesicht markieren, wenn der Schüler das Problemverhalten zeigt. Alle Gesichter, die am Ende übrig bleiben, darf der Schüler in seiner Farbe markieren. Diese kann er dann gegen eine Sonderbelohnung umtauschen.
  4. Legen Sie gemeinsam mit dem Schüler eine Wunschliste für Sonderbelohnungen an.
  5. Bestimmen Sie die Anzahl der Gesichter, die für die Sonderbelohnungen notwendig sind.

Hier und im Downloadbereich finden Sie eine Vorlage für die Spielregeln und den Spielplan für den Wettkampf um lachende Gesichter.