Beratung und Kooperation mit den Eltern bei Kindern mit ADHS

Eltern und Erzieher/Lehrer haben eine gemeinsame Verantwortung für die bestmögliche Entwicklung und Förderung des Kindes. Sie sind besonders dann erfolgreich, wenn sie gut aufeinander abgestimmt sind und im Sinne einer Erziehungspartnerschaft zusammenarbeiten. Günstig ist es, den Eltern von Beginn an zu vermitteln, dass Sie an einer gemeinsamen Arbeit und Problemlösung interessiert sind und nicht gegeneinander arbeiten wollen.

Es ist nicht immer leicht, eine geeignete Form des Elterngesprächs zu finden. Hinzu kommt, dass Sie bei solchen Gesprächen häufig schwierige Dinge ansprechen müssen. Es kann passieren, dass sich Eltern vor ihr Kind stellen und Probleme nicht sehen wollen. Darüber hinaus können Sie auf verschiedene Elterntypen treffen. So können auch die Eltern zu impulsiven Reaktionen neigen. Sie sollten sich mit den verschiedenen Typen vertraut machen, um bestimmte Reaktionen der Eltern besser einordnen und darauf angemessen reagieren zu können.

    Ziel des Elterngespräches

    Das Elterngespräch sollte ergebnisorientiert sein und das Ziel verfolgen, gemeinsam mit den Eltern dem Kind helfen zu können.

    Persönlichkeitsmerkmale von Eltern

    Damit ein Gespräch über 'schwierige' Themen gelingen kann, ist es unerlässlich eine positive Beziehung zu den Eltern aufzubauen. Wir wollen Ihnen zunächst die aus unserer Sicht wichtigsten schwierigen Elterntypen einmal vorstellen. Sie sollten sich mit den verschiedenen Typen vertraut machen, um bestimmte Reaktionen der Eltern besser einordnen und darauf angemessen reagieren zu können. 

    Eltern schätzen die Probleme ihres Kindes manchmal anders ein als Sie dies tun. Unter Umständen sind die Eltern in Sorge über eine mögliche Stigmatisierung, spielen das Problemverhalten dann herunter, sind zu einer Kooperation nicht bereit und lehnen eventuell das Aufsuchen einer Beratungsstelle für ihr Kind ab. Sie sollten die Sorgen der Eltern und deren Haltung aber unbedingt ernst nehmen und diese auch würdigen. Es ist auch möglich, dass Eltern das von Ihnen beschriebene Problemverhalten im häuslichen Kontext tatsächlich nicht erleben, da dieses nur in Gruppen- oder Lernsituationen auftritt. In solchen Fällen kann es ratsam sein, mit den Eltern ein gemeinsames Bedingungsmodell zu entwickeln, welches die Notwendigkeit individueller Interventionen oder weiterführender Hilfen, die auch den häuslichen Rahmen einbeziehen, verdeutlicht. Aus diesem Bedingungsmodell sollte auch hervorgehen, welche Anteile Sie unter Umständen an dem gezeigten Problemverhalten haben und wie Sie versuchen, dem entgegenzuwirken. Es kann auch vorkommen, dass Eltern nach einer systematischen Analyse des Problemverhaltens weiterhin die oben genannten Punkte ablehnen. Versuchen Sie dennoch, herauszufinden, zu welchen Interventionen bzw. zu welchen Schritten die Eltern bereit wären.

    Es kommt vor, dass Eltern ihren eigenen Anteil an der Entwicklung des Problemverhaltens ihres Kindes nicht wahrnehmen. Ein möglicher Grund ist, dass Eltern ein eigenes Bedingungsmodell verinnerlicht haben, welches überwiegend auf stabile Eigenschaften des Kindes (Impulsivität) oder schulische Rahmenbedingungen (zu große Klassen) fokussiert. Eltern sind dann häufig der Überzeugung, dass sie das Problemverhalten ihres Kindes gar nicht beeinflussen können, da es sich schließlich um ein stabiles Merkmal des Kindes („Peter war schon immer so.”) handelt. Auch weiterführende Hilfen sehen sie daher oft als zwecklos an. Sie als Lehrperson sollten in jedem Fall deutlich machen, dass Sie für eine gelingende schulische Entwicklung die Unterstützung der Eltern benötigen. Erklären Sie, dass der Schüler/die Schülerin erfahren soll, dass Schule und Elternhaus ein Team sind und gemeinsam Veränderungen bewirken möchten.

    Sie werden ebenso auf Eltern treffen, die dazu neigen, die Problemverhaltensweisen ihres Kindes vollständig der eigenen „unzureichenden” Erziehungskompetenz zuzuschreiben. Hier sollten Sie als Lehrperson betonen, dass es immer viele Einflussfaktoren für die Entstehung von Problemverhalten gibt. Darüber hinaus sollten Sie insbesondere bei diesem „Elterntyp” betonen, dass es in keiner Weise um Schuldzuweisungen geht, sondern um die Entwicklung gemeinsamer Lösungen. Sprechen Sie über Ihre eigenen Schwierigkeiten mit dem Schüler/der Schülerin und machen Sie so deutlich, dass die Probleme nicht allein durch unzureichende Erziehungskompetenzen zu erklären sind.

    Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Eltern selbst auch zu Problemen bei der Strukturierung und Organisation neigen, unterstützen Sie diese Eltern dabei, zu überlegen, wann sie sich Zeit für z. B. die Nachbesprechung der Hausaufgaben nehmen können. Machen Sie die Eltern eventuell vorsichtig auf Ihre Beobachtung aufmerksam und überlegen Sie gemeinsam mit den Eltern, ob es sinnvoll sein könnte, die Unterstützung beispielsweise einer Erziehungsberatungsstelle in Anspruch zu nehmen.

    Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Eltern selbst auch zu Problemen bei der Strukturierung und Organisation neigen, unterstützen Sie diese Eltern dabei, zu überlegen, wann sie sich Zeit für z. B. die Nachbesprechung der Hausaufgaben nehmen können. Machen Sie die Eltern eventuell vorsichtig auf Ihre Beobachtung aufmerksam und überlegen Sie gemeinsam mit den Eltern, ob es sinnvoll sein könnte, die Unterstützung beispielsweise einer Erziehungsberatungsstelle in Anspruch zu nehmen.

    Der Leitfaden für Elterngespräche

    Zur Vorbereitung und Durchführung eines Elterngesprächs beachten Sie bitte die folgenden Empfehlungen:

    Stellen Sie sich bei der Vorbereitung des Elterngesprächs folgende Fragen:

    • Welche Fähigkeiten (Ressourcen) hat das Kind?
    • Welches Problem sehe ich (Problemdefinition)?
    • Welche Faktoren tragen zu Entstehung und Aufrechterhaltung bei (Problemanalyse)?
    • Was ist mein Ziel (Zieldefinition)?
    • Welche Fähigkeiten (Ressourcen) des Kindes lassen sich für die Lösung des Problems nutzen?
    • Was kann ich zur Lösung beitragen?
    • Was können die Eltern meiner Meinung nach zur Lösung beitragen?

    Überprüfen Sie nun, ob ein Gespräch jetzt sinnvoll ist. So ist es z. B. möglich, dass Sie zur Problemdefinition noch mehr Informationen (z. B. durch Beobachtungen) benötigen. Schätzen Sie anschließend den Zeitbedarf für das Gespräch ein (nicht länger als ca. eine Stunde).

    Finden Sie eine geeignete Form der Einladung für das Gespräch. Nennen Sie den Eltern bei der Einladung (nicht „Vorladung”) zum Gespräch den Anlass und den Zeitrahmen, damit auch sie sich auf das Gespräch vorbereiten können.

    Bedanken Sie sich bei den Eltern, dass sie sich Zeit für das Gespräch nehmen. Fragen Sie die Eltern zu Beginn des Gesprächs nach eigenen Themen/Anliegen. Besprechen Sie mit den Eltern darüber hinaus die Struktur des Gesprächs und verdeutlichen Sie, zu welchem Zeitpunkt Raum für eventuelle weitere Themen der Eltern ist (z. B. in den letzten 10 Minuten). Schaffen Sie eine positive Atmosphäre. Hilfreich kann es hierbei sein, sich zunächst einmal in die Rolle der Eltern zu versetzen und sich zu überlegen, unter welchen Bedingungen Sie selbst ein Elterngespräch als angenehm empfinden würden. Achten Sie hierbei auch auf eine Form der Ansprache, die Sie selbst als angemessen empfinden würden. An dieser Stelle sollten Sie die positiven Seiten des Kindes beschreiben, um zu verdeutlichen, dass Sie das Kind in seiner Vielfalt wahrnehmen. Erwähnen Sie an dieser Stelle nichts Negatives!

    • Halten Sie Blickkontakt.
    • Sprechen Sie in einem ruhigen Ton.
    • Sprechen Sie langsam.
    • Achten Sie auf Ihre Sprachwahl, stellen Sie sich in Bezug auf Ihre Sprache auf Ihren jeweiligen Gesprächspartner ein. Nicht jeder versteht Fremdworte oder Fachbegriffe.
    • Vermeiden Sie Nebenbeschäftigungen wie z. B. den Blick zur Uhr (Wie können Sie die Zeit anders im Blick haben?).
    • Hören Sie aktiv zu, stellen Sie vertiefende Fragen („Was genau meinen Sie mit ‘Gummibärchenpädagogik’?”).
    • Lassen Sie Ihren Gesprächspartner/Ihre Gesprächspartnerin ausreden.
    • Hören Sie den Eltern aktiv zu, signalisieren Sie Interesse.
    • Geben Sie immer wieder ein positives Echo.
    • Wahren Sie professionelle Distanz.

    Schildern Sie den Eltern möglichst sachlich, welches Problemverhalten Sie bei dem Kind beobachtet haben( z.B. hat eine geringe Spielausdauer; unterbricht andere Kinder; stört den Unterricht; erreicht sein Lernziel nicht). Überprüfen Sie, ob die Eltern ähnliche Problemsituationen oder Problemverhalten kennen und fragen Sie nach ihrer eigenen Einschätzung. Schildern Sie den Eltern die Faktoren, die aus Ihrer Sicht zur Aufrechterhaltung des Problemverhaltens beitragen. Achten Sie bei Ihrer Formulierung darauf, dass es sich bei Ihrer Beschreibung um Ihre Perspektive handelt, und fragen Sie die Eltern anschließend erneut nach ihrer Sichtweise. Machen Sie den Eltern jedoch auch die besondere Situation in der Schule deutlich und erläutern Sie die unterschiedlichen Anforderungen im Vergleich zum häuslichen Umfeld (beispielsweise Stillarbeitsphasen). Dies ist besonders dann von Bedeutung, wenn Eltern Ihnen schildern, das genannte Problemverhalten zu Hause gar nicht zu kennen. Teilen Sie den Eltern im nächsten Schritt mit, welches Zielverhalten Sie sich für das Kind überlegt bzw. schon vereinbart haben. Machen Sie deutlich, auf welche Methoden Sie zurückgreifen, um das Kind dabei zu unterstützen, das Zielverhalten aufzubauen (z. B. Beziehungsaufbau, Lob, Verstärkerplan). Verdeutlichen Sie den Eltern, auf welche Grenzen Sie dabei ggf. gestoßen sind und wo Ihre Einflussmöglichkeiten als Erzieher/Lehrperson möglicherweise begrenzt sind. An dieser Stelle kann es manchmal sinnvoll sein, mit den Eltern Ihr Bedingungsmodell zu besprechen bzw. mit den Eltern gemeinsam ein Bedingungsmodell zu entwickeln

    Verdeutlichen Sie, an welchen Punkten Unterstützung vonseiten der Eltern notwendig ist, und machen Sie mit Nachdruck die Bedeutung der Kooperation zwischen Schule/Tageseinrichtung und Elternhaus deutlich. Überlegen Sie, ob sich konkrete Maßnahmen, die Sie in der Einrichtung zur Erreichung des Zielverhaltens einsetzen, auch auf den häuslichen Rahmen übertragen lassen. Besprechen Sie mit den Eltern konkrete Ansatzpunkte (z. B. Üben, beim Abendbrot sitzen zu bleiben). Berücksichtigen Sie an dieser Stelle die Ressourcen und Kompetenzen der Eltern und stellen Sie realistische Erwartungen an die Eltern. Dies gilt insbesondere für Eltern mit eigenen Organisationsschwierigkeiten. Sollten Sie den Eindruck haben, dass die Eltern überfordert sind, machen Sie diese auf weiterführende Hilfen aufmerksam (z. B. ambulante Familienhilfe). Stärken Sie die Motivation der Eltern, solche Hilfen in Anspruch zu nehmen, und verweisen Sie in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Risiken, die Sie bei der Entwicklung des Kindes auch im Hinblick auf die Zukunft sehen, falls keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden. Betonen Sie ebenso die Chancen, die sich durch eine Inanspruchnahme von Hilfe sowie eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Einrichtung/Ihnen für das Kind eröffnen. Eine konkrete Vereinbarung sollte das gemeinsam festgelegte Ziel sowie die Schritte der einzelnen Parteien zu seiner Erreichung enthalten. Zum Aufbau einer kontinuierlichen Zusammenarbeit sollten darüber hinaus Kriterien vereinbart werden, anhand derer nach einem ebenfalls definierten Zeitraum gemeinsam überprüft wird, ob es für das Kind vorangeht und wie weiter verfahren werden soll. Die schriftliche Fixierung solcher Vereinbarungen stellt einen konstruktiven Abschluss des Gesprächs dar

    Bedanken Sie sich für das (konstruktive) Gespräch und geben Sie einen kurzen Ausblick auf die nächsten Schritte. Fixieren Sie die getroffenen Absprachen (vergleichbar „Protokoll Elterngespräch”) und lassen Sie alle Beteiligten unterschreiben. Dies erhöht zum einen die Verbindlichkeit und dient zum anderen als „Gedächtnisstütze” für folgende Gespräche. Vereinbaren Sie ggf. einen weiteren Termin zur Nachbesprechung.