Zentrales ADHS Netz

AD(H)S im Vorschulalter

Besonders bei jüngeren Kindern ist es schwierig normales von unruhigem und grenzüberschreitendem d.h. „expansivem“ Verhalten zu unterscheiden. Viele – auch normal entwickelte - Vorschulkinder sind oft sehr aktiv, manchmal impulsiv und auch teilweise unaufmerksam. Bei vielen Kindern vermindern sich solche Probleme auch wieder im Laufe weniger Monate. Bei einigen dieser Kinder, bei denen dieses Verhalten deutlich länger anhält, stellt sich die Frage, ob das Kind nicht „hyperaktiv“ sein könnte oder eine ADHS hat.

Da das Verhalten von kleinen Kindern wandelbarer ist als bei älteren Kindern, ist es besonders schwierig, die AD(H)S-Diagnose bei Kindern vor dem Alter von vier oder fünf Jahren zu stellen. Mit einer Diagnosestellung im Vorschulalter sollte auch deshalb zurückhaltend umgegangen werden, da einzelne für AD(H)S typische Symptome in vielen anderen Störungsbildern auftreten können. Beispielsweise können Vorschulkinder aufgrund alterstypischer, „normaler“, hoher Aktivität sehr anstrengend sein oder sich gar in bestimmten Situationen hyperaktiv verhalten, z.B. beim Toben. Familiäre Konflikte (z.B. Trennung der Eltern) und familiäre Veränderungen (z.B. Geburt eines Geschwisters) können ebenso wie die Folgen seelischer oder körperlicher schwerer Belastungen (sogenannte Traumata, wie z.B. Misshandlung) ebenfalls Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörungen oder Impulsivität verursachen. Solche Symptome können auch bei Kindern aus Familien beobachtet werden, welche die Grundbedürfnisse des Kindes nach Zuwendung, Halt und Geborgenheit nicht befriedigen können und die deshalb vernachlässigt sind, keine Regeln kennen  und damit auch keine Selbstkontrolle lernen können. Durch ein Zuviel an „Bildschirm- und Medienkonsum“, Lärm, Stress (z.B. auch durch ein überfülltes „Freizeitprogramm“) insbesondere in Kombination mit einem Zuwenig an Bewegung können solche Symptome verstärkt werden.

Störungsbild

Kinder, die von einer AD(H)S betroffen sind, fallen im Kindergarten durch ihre Unfähigkeit zu ruhigen Beschäftigungen und häufig durch ihre ausgeprägte Hyperaktivität auf. Sie können sich nicht konzentrieren und sind ständig in Bewegung.

Zentrale „Problembereiche“ sind mangelnde Selbststeuerung, Geduld und Ausdauer.

  • plan- und rastlose Aktivität, unterbricht andere Kinder beim Spielen, stört in der Gruppe, kann sich nur schwer einfügen
  • schnelle, häufige und unvorhersagbare Handlungswechsel, Spielabbrüche, -wechsel
  • geringe Ausdauer bei Einzel- und Gruppenspielen
  • hört nicht zu, befolgt Anforderungen nicht, weil es nicht richtig zuhört, oder die Anforderung schnell wieder vergisst und zu einer anderen Tätigkeit wechselt

Zusätzlich zu diesen Kernproblemen können weitere Schwierigkeiten hinzukommen, die allerdings auch unabhängig von ADHS auftreten können:

  • ausgeprägte Trotzreaktionen; die Kinder werden schnell wütend, können sich nur schwer beruhigen
  • unberechenbares Sozialverhalten, Schwierigkeiten soziale Kontakte mit gleichaltrigen Kindern anzubahnen und aufrechtzuerhalten, z.B. jähzorniges Verhalten. Beständige Freundschaften können nur schwer geschlossen werden
  • Entwicklungsstörungen bezüglich auditiver und visueller Wahrnehmung, Merkfähigkeit oder Fein- und Grobmotorik sowie Sprache
  • vermehrte Unfallgefährdung;
  • Schwierigkeiten im Elternhaus: Essens- und Besuchssituationen, Telefonate der Eltern, Geschwisterkonflikte

AD(H)S ohne Hyperaktivität

Solche Kinder fallen auf durch:

  • mangelnde Konzentration und Ausdauer auch bei selbst gewähltem Spiel
  • verträumtes Verhalten, sie starren beispielsweise oft ins Leere und können sich nicht beschäftigen

Zusätzlich treten gehäuft weitere Probleme auf, v.a.

  • hypertoner Muskeltonus mit deutlichen Koordinationsstörungen in der Grob- und/oder Feinmotorik
  • starke Gefühlsschwankungen
  • einige Kinder weinen leicht, sind sehr empfindlich und/oder angepasst im Verhalten

Diagnostik  

Im Vorschulalter streuen die Normvarianten sehr viel breiter, d.h. die diagnostische Abgrenzung zu noch normalem Verhalten ist schwieriger. Kinder mit starker Symptomausprägung können etwa ab dem Alter von drei Jahren identifiziert werden. Kleinkinder mit schwierigen Temperamentsmerkmalen, mit extrem hohen Aktivitätsniveau, mit Schlafproblemen, Essschwierigkeiten und gereizter Stimmungslage sind mit einem größeren Risiko behaftet, später eine AD(H)S zu entwickeln als Kinder mit einem ausgeglichenen Temperament.  

Nach ICD-10 und DSM-IV müssen vor dem Alter von sechs bis sieben Jahren ADHS-Symptome auftreten.

Auch im Vorschulalter sind die Kernsymptome von AD(H)S: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Die Symptomatik muss fortwährend und situationsübergreifend auftreten und ist keine vorübergehende Reaktion auf verschiedene Stressoren.

Besonders schwierig ist eine diagnostische Abgrenzung im Falle von Varianten der AD(H)S ohne Hyperaktivität, da die Aufmerksamkeitsproblematik weniger störend ist. Außerdem ist die Abgrenzung zu anderen Störungen schwieriger, da emotionale Auffälligkeiten, Temperamentsunterschiede und der Entwicklungsrückstand oder leichte Intelligenzminderungen ähnliche Verhaltensweisen hervorrufen können.

AD(H)S tritt häufig in Kombination mit anderen Auffälligkeiten auf. Insbesondere aggressives und oppositionelles Verhalten ist eine häufig anzutreffende Begleitproblematik, welche die soziale Integration des Kindes in der Gruppe erschwert.

Interventionen

Pädagogische Begleitung

Pädagogische Fachkräfte sollten den normalen Entwicklungsverlauf von Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle verstehen, bevor sie Vermutungen über eine mögliche ADHS-Symptomatik  des Kindes anstellen.

ErzieherInnen sollten auf der Beobachtungsebene bleiben: Verhaltens- und Verlaufsbeobachtungen aus der Vorschulzeit können ggf. eine notwendige Diagnosestellung durch eine Fachkraft erleichtern! Der interkollegiale Austausch im Team sollte intensiv genutzt werden und ggf. qualifizierte Fachkräfte hinzugezogen werden. Es ist unbedingt erforderlich die Eltern zeitnah zu informieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Wichtig: Obwohl die Diagnose im Kleinkindalter mit starken Unsicherheiten behaftet ist, sollte unabhängig davon mit Fördermaßnahmen begonnen werden, auch wenn sich später herausstellen sollte, dass die Auffälligkeiten nur entwicklungsbedingt aufgetreten sind.

Grundlage zur „sinnvollen“ Begleitung von expansiven Kindern und deren Eltern ist eine wertschätzende, geduldige Haltung auf Seiten der Pädagogen.

Förderliche Haltung in der Interaktion:  

  • Sensibilität in der Reaktion auf die Signale des Kindes
  • Klare Werthaltung mit transparenten Anforderungen und Strukturen
  • Echtheit (Verbalisieren von Gefühlen, Wünschen, Ablehnungen)
  • Interesse und Sorge (Zeit für das Kind)
  • Regulation der eigenen Gefühle als Erwachsener (eigene nervliche Belastung)
  • Strukturierung und Vorbereitung der Umgebung und der Zeit
  • Gefühlsmäßige Verbundenheit mit dem Kind.

Eine weitere Möglichkeit der pädagogischen Begleitung von AD(H)S-Kindern kann durch die Strukturierung von Zeit und Raum erfolgen. Strukturen sollen: der Orientierung dienen, den Alltag vorhersehbar machen und die Kinder im Sinne eines Fahrplans durch den Tag führen. In Kindergärten werden z.B. durch die Beachtung und Nutzbarmachung bestimmter Rituale (tradierte Fest- und Feierkultur, Willkommen und Abschied, Lieder) und die Schaffung von Räumen (Ruhe- und Bewegungszonen, Wasch-, Werk-, Gruppenräume, Dienstzimmer, Bauecke, Küche...) wie selbstverständlich zeitliche und räumliche Strukturierungen geschaffen. Zusammenfassend kann man festhalten: Je mehr Orientierung (durch Haltung und Struktur) dem Kind angeboten werden kann, um so breiter kann ein Handlungsrahmen gesteckt werden, der dem Kind die notwendigen Freiräume zur Entwicklung bietet.

Elternarbeit

Die partnerschaftliche Kooperation der Pädagogen und Eltern ist die Basis für alle Maßnahmen und Entscheidungen. Elternberatung sollte auf der Wertschätzung vorhandener Kompetenzen bei den Eltern beruhen.

Beratung beginnt damit eine Veränderungsmotivation zu bestärken oder zu erarbeiten, dann sucht man gemeinsam den Weg von leichten bis hin zu schwierigen Fragen und deren möglichen Lösungswegen.

Aspekte beim Elterngespräch:  

  • Empathie und Wertschätzung
  • Zeitstruktur benennen
  • Notizen mit konkreten Beobachtungen sind hilfreich
  • gemeinsame, realistische Ziele festlegen
  • Vereinbarungen verschriftlichen
  • beenden Sie das Gespräch optimistisch und geben Sie einen Ausblick
  • nächsten Termin festlegen.

Weitere Hinweise zur Beratung und Kooperation mit den Eltern finden Sie hier. Diese Hinweise beziehen sich auf das Schulalter.

Quelle

Brandau, H., Pretis, M., Kaschnitz, W. (2006). ADHS bei Klein- und Vorschulkindern. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Ruf, B., Arthen, K.  (2007). AD(H)S und Wahrnehmungsauffälligkeiten. Fördermaterialien für Kindergarten und die 1. Klasse. Dortmund: Auer Verlag.

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