Zentrales ADHS Netz

Tipps für den Schulalltag

Auf dieser Seite finden Sie Vorschläge zur Organisation und Gestaltung des Schulalltags.

Was kann die Schule tun?

1. Sicherstellung einer der allgemeinen Leistungsfähigkeit des Kindes entsprechenden Beschulung

  • Kontakt zu Beratungslehrer / Förderzentrum (IQ-Testung; Teilleistungsschwächen abklären!)

2. bzgl. ADHS auf sorgfältige Diagnosestellung hinwirken

3. vor Ort verfügbare Unterstützungsmöglichkeiten nutzen

  • Förderplan (frühzeitig erstellen und umsetzen!)
  • Nachteilsausgleich LRS / Dyskalkulie
  • Nachteilsausgleich bzgl. ADHS klären
  • sonderpädagogische Förderung (z.B. begleiteter Unterricht etc.)

4. Zusätzliche vor Ort verfügbare Unterstützungsmöglichkeiten

  • Kollegiale Supervision
  • Bildung einer „ADHS-Lehrer AG“Teilnahme an entspr. Fortbildungen und Info der Kollegen
    ⇒ Teilnahme an entsprechenden Fortbildungen und Information der Kollegen
    ⇒ Einrichtung einer ADHS-Infothek (Literatur; Adressen etc.)
    ⇒ Bildung von „Kollegen-Tandems“
        ›  gegenseitige Verhaltensbeobachtung, Entwicklung von Strategien
        ›  organisatorische Unterstützung
    ⇒ Info u. Einbindung anderer Berufsgruppen (Sekretariat; Hausmeister)
    ⇒ Aufteilung der ADHS-Kinder auf mehrere Klassen

5. Netzwerkarbeit (Beteiligung an ADHS-Netzen!)

6. Nutzung externer Beratungsangebote

  • Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Kinder- u. Jugendmedizin
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
  • schulpsychologischer Dienst und Erziehungsberatung
  • Beratungslehrer und Schulaufsicht
  • Jugendhilfe
  • Institute für außerschulische Lernhilfen
  • Fortbildungen
  • Regionale Versorgungsnetze
  • Selbsthilfegruppen

7. weniger Reize in Schul- und Klassenräumen

  • Farbdosierung freundlich, aber nicht zu bunt
  • Orientierungshilfen: einheitliche Farben, Piktogramme, Markierungen
  • Ordnungshilfen: genügend Garderobenhaken und strukturiert, übersichtlichen Stauraum
  • Mobiliar: stabil, angemessene Sitz- und Arbeitshöhe, Filzgleiter, mit ausreichendem Stauraum
  • Lärmquellen reduzieren: Filzgleiter, Geräte nicht laufen lassen
  • Gestaltung der Wände: kein Bildersammelsurium; Regel- und Bilderseite der Wände
  • Arbeitsmaterialien: so wenig wie möglich; gut verstaubar; nicht benötigte Materialien nicht im Blickfeld des Kindes

Was können Lehrerinnen und Lehrer tun?

I. Optimierung durch mehr Struktur im Unterricht

1. feste Sitzordnung

  • häufige Platzwechsel irritieren    - in Lehrernähe - links vorne – außermittig
  • unruhige Gruppentische und dauerhafte Einzelsitzplätze sind ungünstig
  • Tischnachbar als Helfer und positives Modell
  • Händigkeit beachten

2. Tischordnung

  • Markierungen (z.B. mit Kreppband) für Tischmitte und wichtige Materialien
  • nur aktuell benötigte Materialien auf dem Tisch

3. Tafelordnung

  • ist stets die Gleiche (Hausaufgabenseite)

4. Führen eines Hausaufgaben- und Mitteilungshefts

  • rechtzeitige und schriftliche Bekanntgabe wichtiger Informationen (Unterrichtsausfall, Ausflüge, Projekte…)
  • ggf. mit Kenntnisnahme der Eltern durch abzeichnen

5. Regeln

  • wenige aber eindeutige Verhaltensregeln aufstellen

II.  Optimierung durch Einsatz von Signalkarten

1. viele ADHS-Kinder sind bei verbaler Ansprache unaufmerksam

  • Nutzung nonverbaler Kommunikation
  • Nutzung eines weiteren Wahrnehmungskanals
  • Signalkarten verdeutlichen in einfacher Weise Anweisungen bzw. Regeln

III. Optimierung durch Einsatz von Blick- bzw. Körperkontakt

  • Einsatz als „Geheimsprache“
  • Blick- bzw. Körperkontakt „weckt“ viele ADHS-Kinder
  • stört nicht den Unterrichtsablauf

IV. Optimierung durch Rituale im Unterricht

1. ritualisierte Begrüßung – Verabschiedung - Pausenbeginn
2. Ruhe zu Unterrichtbeginn herbeiführen (Aufmerksamkeitsfokus!)
3. Einsatz eines Sprechballs
4. Körper- oder akustisches Signal bei zu hohem Lärmpegel
5. Aufstellen

  • z.B. nach Größe, Geburtsdatum, Alphabet
  • Ordnungsprinzip länger beibehalten
  • Markierung auf dem Boden helfen
  • Arbeitsmaterial
  • an festem Platz
  • ritualisierte Kontrolle des Materials (und Belohnung!)

6. Konsequentes Führen und Kontrolle des Hausaufgabenheftes

V.  Optimierung durch Bewegungschancen im Unterricht

1. für alle Kinder

  • Arbeitsmaterialien an bestimmtem Platz abholen
  • sich auf besondere Art dorthin bewegen
  • Lösungen zur Aufgabenkontrolle an anderem Platz bereitlegen

2. für das ADHS-Kind

  • kleine gezielte Aufträge (Tafeldienst, Botengänge)
  • Arbeitsblätter durch ADHS-Kind austeilen lassen
  • im Sportunterricht expansivem Verhalten durch Arbeitsaufträge, Helferrolle, Schiedsrichter o.ä. vorbeugen (s.u.)  
  • Umgang mit Handschmeichlern erlauben (Knete, Sandsäckchen)
  • Arbeitsposition frei wählen lassen (stehen, knien, sitzen)
  • Sitzball (Vorsicht: bei begleitender Störung d. Sozialverhaltens!)
  • „Aktives Ignorieren“ bei weniger störendem Verhalten

VI. Spezielle praxisnahe Tipps

1. für alle Unterrichtsfächer

  • vermehrt strukturiertes Lernen statt Freiarbeit
  • direkte Instruktion durch den Lehrer
  • Frei- oder Wochenplanarbeit nur mit helfendem, strukturierendem Begleiten
  • Aufträge gezielt und hintereinander erteilen
  • Aufgaben in kleine Abschnitte unterteilen
  • Arbeitsergebnisse in Merksätze und Regeln fassen
  • Automatisierung durch wiederholen und üben der Lerninhalte
  • Fehler zeitnah korrigieren
  • lebhaft, expressiv, humorvoll unterrichten
  • häufige kleine Leistungsüberprüfungen
  • ermutigen statt entmutigen!
  • Stärken betonen und nutzen, Schwächen benennen, aber zugleich Hilfen aufzeigen!

2. Buchstaben erlernen

  • Buchstaben mit allen Sinnen erlernen
  • Reihenfolge: akustisch-optisch-haptisch (Achtung: die akustische Merkfähigkeit ist bei optischer Erstdarbietung reduziert!)
  • anschließend drei Sinneskanäle verbinden
  • neue Buchstaben erst, wenn vorausgegangener sicher ist
  • Unsinnswörter (Zauberwörter) laut vorlesen lassen
  • Zusammenschleifen von Konsonanten und Vokalen eigenständig erarbeiten und üben lassen
  • jeden neuen Konsonanten wiederholen

3. Schreiben lernen

  • Schreiblernbögen fest auf Tisch fixieren (Klebestreifen)
  • Einhalten der Lese-/Schreibrichtung systematisch erarbeiten (z.B. durch Stempeln der Zeilen)
  • Zeilenanfänge besonders markieren
  • in jede zweite Zeile schreiben lassen (übersichtlicher; saubere Verbesserung; korrekturfreundlich)
  • keine zu dünnen Federn oder Minen benutzen
  • härtere Stiftmine oft hilfreich (reduziert Schmiergefahr)
  • Stiftfarbe mit Kontrast zum Papier
  • farbiges Papier erhöht die Aufmerksamkeit

4. Lesen lernen

  • Fensterschablonen benutzen
  • Lesepfeile als Hilfe fürs Zusammenlesen einsetzen
  • auf Leseblatt linke obere Ecke markieren (z.B. abschneiden)
  • Lesetext mit kurzen Zeilen
  • Schrift mit guten Kontrast zum Papier
  • im Lesetext mal Schriftgrößen und -typen ändern
  • Lesetext mehrfach darbieten, dabei die Schriftgröße immer kleiner werden lassen (z.B. auch mal mit Lupe lesen!)
  • kleine Variationen im Text einbauen; diese muss gefunden werden, bevor die nächste Zeile drankommt
  • Texte nicht zu lang und in sich abgeschlossen; spannend; einfache Sprache; mit Identifikationsfiguren; „gutes Ende“

5. Rechtschreibung lernen

  • beim Korrigieren Wort für Wort aufdecken lassen
  • Fensterschablonen und/oder Korrekturkarten einsetzen
  • falsch geschriebenes Wort ausradieren bzw. mit Etikett überkleben, damit Kind den „Lückentext“ dann richtig korrigiert
  • Wortbilder durch Nachfahren mit einer Taschenlampe oder Lupe visualisieren lassen
  • Anleuchten einer Rechtschreibschwierigkeit bzw. Markierung im Heft durch Kinder mit Leuchtstift

6. Rechnen lernen

  • Anfangsrechnen
    • strukturierte Mengen müssen bis Menge 6 sofort benannt werden
    • Stärkung der visuellen Vorstellungskraft, dadurch wird die Neigung zum Nachzählen reduziert (z.B. Steckwürfel)
    • Kinder müssen erfassen, was „Plus“ heißt (dazu; zusammen)
    • Rechenoperation muss zunächst sprachlich erfasst werden
  • Textaufgaben
    • für Rechenoperation wichtige Textstellen markieren
    • Hilfe zum besseren verbalen Erfassen der Rechnung: ein Kind diktiert, die anderen füllen den „Lückentext“ aus
    • keine großen Arbeitsblätter; Aufgaben in Streifen aufteilen

7. für den Sportunterricht

  • zu Beginn „Bewegungsüberschuss“ abbauen
  • ADHS-Kinder als „Helfer“ beim Aufbauen einspannen
  • Beruhigung durch Tragen schwerer Teile (Matten)
  • Wartezeiten (z.B. bei Zirkeltraining) vermeiden
  • Turnen am Boden hilft bei zusätzlichen motorischen Defiziten
  • bei Ballspielen Softbälle verwenden (reduziert Verletzungsgefahr)
  • Bewegungsaufgaben mit offenen Lösungen stellen „Wie kann dieses Hindernis überwunden werden?“
  • Verlieren und Gewinnen ist problematisch, daher: klare Regeln einführen; Platz für Auszeit definieren; Vorbilder für „fair play“ benennen
  • angemessenes Verhalten bemerken und belohnen!!!

Weitere Hilfen für die Praxis

Im Ratgeber ADHS (Döpfner et al., 2007) wird anhand eines Interaktionsmodells aufzeigt wie sich Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit ADHS durch die Entwicklung negativer Eltern-/ Lehrer-Kind-Interaktionen verschlimmern können und es werden grundlegende Regeln für Lehrer zum Umgang mit Kindern mit ADHS entwickelt.

Teufelskreis

In der folgenden Grafik ist der Teufelskreis dargestellt, in den typischerweise Familien mit Kindern geraten, die ADHS-Symptome haben. Aber auch im Kindergarten und in der Schule passiert das Gleiche und Erzieher und Lehrer geraten mit diesen Kindern in den gleichen Teufelskreis. Der Teufelskreis läuft somit auch im Kontakt zwischen Lehrern und Schülern mit ADHS in folgenden Phasen ab:

 

1. Die Lehrer stellen dem Schüler eine Aufforderung.
In ganz vielen alltäglichen Schulsituationen stellen Lehrer den Schülern Aufforderungen. Der Schüler kann eine solche Aufforderung des Lehrers befolgen oder auch nicht. Wenn der Schüler tut, was der Lehrer gesagt hat, dann achten die meisten Lehrer nicht weiter auf den Schüler, sondern beschäftigen sich mit dem weiteren Unterrichtsgeschehen. Schüler mit ADHS reagieren schon alleine aufgrund ihrer Aufmerksamkeitsprobleme und Impulsivität häufig nicht auf solche Aufforderungen und dann beginnt der Teufelskreis.

2. Die Lehrer wiederholen ihre Aufforderung.
Die Lehrer wiederholen zunächst ihre Aufforderung. Dies kann je nach Klassensituation und in Abhängigkeit vom Lehrer sehr häufig passieren. In der Regel werden die Lehrer bei jeder Wiederholung der Aufforderung immer ärgerlicher und die Stimme wird immer lauter und gereizter. Auch hier hat der Schüler wieder die Möglichkeit schließlich doch das zu tun, was der Lehrer gesagt hat. In diesem Fall wenden sich die Lehrer - meist schon recht ärgerlich - wieder dem Unterricht zu, oft mit Worten wie: „Warum nicht gleich so?“ Tut der Schüler immer noch nicht, was der Lehrer gesagt hat, dann geht der Teufelskreis weiter.

3. Die Lehrer drohen.
Meist gehen die Lehrer dann dazu über, ihrem Schüler mit Strafen (z.B. Strafarbeiten, Nachsitzen, Ausschluss vom Unterricht) zu drohen. Weil die Lehrer zu diesem Zeitpunkt schon sehr ärgerlich sind, werden diese Drohungen oft sehr impulsiv ausgestoßen und sind manchmal nicht gut überlegt. Auch diese Drohungen können mehrfach wiederholt werden und immer heftiger ausfallen. Auch hier hat der Schüler die Möglichkeit, irgendwann doch der Aufforderung des Lehrers nachzukommen und der Lehrer wird dann meist verärgert mit dem Unterricht fortfahren und sich den anderen Schülern zuwenden. Tut der Schüler immer noch nicht, was der Lehrer gesagt hat, dann geht der Teufelskreis weiter.

4. Die Lehrer sind ratlos.
Meist wissen Lehrer dann an dieser Stelle nicht mehr weiter! Weder eine freundliche noch eine ärgerliche Aufforderung, noch Androhungen von Strafen bewegen den Schüler dazu, das zu tun, was der Lehrer will. Jetzt haben Lehrer zwei Möglichkeiten zu reagieren:

  • Entweder sie geben nach und fordern vom Schüler nicht mehr das, was sie eigentlich wollten – der Schüler stört weiter den Unterricht, hat unvollständige Arbeitsmaterialien, beginnt nicht mit zu lösenden Aufgaben.
  • Im anderen Fall reagieren Lehrer aggressiv auf den Schüler; der Schüler bekommt unangemessene Strafen, wird vor den Mitschülern bloßgestellt oder wird mit Worten sehr abgewertet!

5. Welche Erfahrungen macht der Schüler im Teufelskreis?
In diesem Teufelskreis macht der Schüler vielfältige ungünstige Erfahrungen, die eher dazu beitragen, dass die Verhaltensprobleme weiter zunehmen.

  • Geben Lehrer am Ende des Teufelskreises nach, macht der Schüler die Erfahrung, dass er die „Nörgeleien“ der Lehrer nur lange genug aushalten muss, um unangenehmen Aufforderungen aus dem Wege zu gehen. Er erfährt, dass die Aufforderungen und schließlich auch Drohungen der Lehrer häufig nicht ernst zu nehmen sind. Bei der nächsten Aufforderung der Lehrer wird der Schüler noch eher dazu tendieren, nicht auf das zu reagieren, was die Lehrer sagen und immer unruhiger, unaufmerksamer und impulsiver werden. Die Lehrer erziehen den Schüler also ohne es zu wollen dazu, immer häufiger „nein“ zu sagen und immer stärkere ADHS-Symptome zu entwickeln!
  • Reagieren Lehrer am Ende aggressiv, lernt der Schüler, wie man sich zumindest in bestimmten Positionen durchsetzen kann. Die Lehrer bieten ihm ein aggressives Modell! Der Schüler bekommt vorgelebt, dass gutes Zureden und auch Drohungen oft nichts nutzen, sondern letztlich nur der „Mächtigere“ gewinnt! Dies wird vielleicht dazu führen, dass der Schüler das nächste Mal (aus Angst vor unangemessen hohen Strafen) der Aufforderung nachkommt, aber außerhalb der Schulstunden oder gegenüber jüngeren und körperlich schwächeren Mitschülern wird er seine Erfahrung anwenden, dass der Stärkere siegt und die Wahrscheinlichkeit zu aggressivem Verhalten steigt!
  • Auch wenn der Schüler zu irgendeinem Zeitpunkt in dem Teufelskreis schließlich doch das tut, was die Lehrer gesagt haben, macht er häufig ungünstige Erfahrungen. Die Lehrer wenden sich dann meist dem Unterricht und den anderen Mitschülern zu. Dies ist sehr verständlich, weil Schüler mit ADHS sehr viel Zeit und Kraft kosten und den Unterricht oft aufhalten, so dass Lehrer unter Zeitdruck geraten und mit dem Lernstoff schnell fortfahren sowie dafür sorgen müssen, dass andere Schüler keinen Nachteil erleiden. Der Schüler erlebt, dass sein angemessenes oder weniger problematisches Verhalten gar nicht weiter beachtet wird und die mangelnde Aufmerksamkeit wird dazu führen, dass der Schüler in Zukunft eher seltener das tut, was die Lehrer sagen. Außerdem hat dies zur Folge, dass Lehrer und Schüler schließlich fast nur noch negativ - ermahnend, schimpfend, schreiend, drohend, weinend - miteinander umgehen und positive Erfahrungen immer mehr in den Hintergrund treten. Lehrer sagen dann oft, dass sie den Schüler nur noch ständig ermahnen müssen und die Schüler erleben ihre Lehrer nur noch als ungerecht und als permanente Nörgler.

Quelle:
modifiziert aus:
Döpfner, M., Frölich, J. & Wolff Metternich, T. (2007). Ratgeber ADHS. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher zu Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen. Ratgeber Kinder und Jugendpsychotherapie, Band 1. Göttingen: Hogrefe.
Döpfner, M., Schürmann, S., & Lehmkuhl, G. (2006). Wackelpeter & Trotzkopf. Hilfen für Eltern bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten (3. überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union.

Pliszka und Mitarbeiter (1999) geben Hinweise auf grundlegende Regeln für die Gestaltung des Klassenzimmers und des Unterrichtes, die zur Verminderung von ADHS-Symptomen beitragen können.

Regeln im Klassenzimmer

I.   Wo soll der Schüler sitzen?

  1. in der Nähe des Lehrers
  2. in der Nähe positiver Vorbilder
  3. nicht in der Nähe von Durchgängen
  4. nicht in der Nähe von ablenkenden Reizen

II.   Wie erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass der Schüler Aufforderungen nachkommt?

  1. Stellen Sie Blickkontakt zum Schüler her.
  2. Stellen Sie sich in die Nähe des Schülers und geben Sie Ihre Anweisungen mit weicher Stimme.
  3. Machen Sie ganz deutlich, was Sie von dem Schüler erwarten.
  4. Geben Sie kurze und klare Anweisungen.
  5. Teilen Sie komplexe Anweisungen in mehrere, einfache Anweisungen auf.
  6. Formulieren Sie Ihre Anweisungen eher in erklärendem als in fragendem Stil.
  7. Benutzen Sie, wenn möglich, visuelle Hinweise und Stichworte.
  8. Geben Sie dem Schüler mindestens 10 Sekunden Zeit, um zu antworten.
  9. Prüfen Sie, ob Ihre Anweisungen verständlich waren.
  • Fordern Sie den Schüler auf, die Anweisung zu wiederholen.
  • Geben Sie dem Schüler die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
  • Wiederholen Sie Ihre Anweisung, wenn nötig, mit ruhiger deutlicher Stimme.

III.   Welche Strukturenim Klassenzimmer verbessern die Produktivität und Aufgabenerfüllung

  1. Bringen Sie Regeln für den Klassenraum an einem unübersehbaren Platz an.
  2. Ordnen Sie die Möbel und die Durchgänge im Klassenzimmer so an, dass ein möglichst ungestörtes Lernen erzielt und Störungen vermieden werden.
  3. Kennzeichnen Sie die verschiedenen Fächer durch unterschiedliche Farben (z.B. Mathematik [blau], Lesen [rot]).
  4. Arbeiten Sie mit einer Mappe auf dem Tisch, in der erledigte Aufgaben abgelegt werden.
  5. Stellen Sie Abtrennungen auf, um Störungen zu vermeiden.
  6. Halten Sie sich an einen formalen Handlungsplan; wenn sich das Kind nicht an Ihre Anweisungen hält - 10 Sekunden um Anweisungen zu befolgen, Ankündigung der Konsequenzen mit Wiederholung der Anweisung, 10 Sekunden um jetzt der Anweisung nachzukommen, Konsequenz.
  7. Gewöhnen Sie sich an, Anweisungen nur zusammen mit einer Konsequenz zu wiederholen.

IV.   Wie gestalte ich den Unterricht, um Produktivität und Aufgabenerfüllung zu verbessern?

  1. Teilen Sie den Unterricht in mehrere kleine, bewältigbare Teile auf (jeder Teil baut auf dem auf, was das Kind bereits gelernt hat).
  2. Wenden sie während des Unterrichts verschiedene Lernmodalitäten an (hören, sehen, anfassen).
  3. Wechseln Sie zwischen den Methoden, um Antworten zu geben (verwenden Sie verbale und nonverbale Methoden, um die Aufmerksamkeit und die aktive Beteiligung der Kinder am Unterricht zu überprüfen).
  4. Variieren Sie die Aktivitäten (z.B. Arbeiten im Sitzen, praktische Arbeit, Diskussionen in kleinen Gruppen, Gruppenarbeit).
  5. Verkürzen Sie die Aufgaben (unterteilen Sie die Aufgaben in kleinere Teile mit häufigerem Feedback).
  6. Stellen Sie anhand von Fragen fest, ob der Unterricht verständlich ist.

V.   Strategien zur Modifikation der Aufgabenstrukturierung um Produktivität und Aufgabenerfüllung zu verbessern:

  1. Unterteilen Sie die Aufgaben in kleine, bewältigbare Teile (geben Sie Feedback und Bestärkung für jeden erledigten Teil der Aufgabe).
  2. Geben Sie häufiges Feedback (die Häufigkeit des Feedbacks steht mit der Aufmerksamkeitsspanne des Kindes in unmittelbarem Zusammenhang).
  3. Benutzen Sie eine Uhr, um das Kind an die Erfüllung der Aufgabe zu erinnern.
  4. Setzen Sie individuelle Ziele (helfen Sie dem Kind, sich ein Leistungs/ Produktivitäts-Ziel zu setzen und bestärken Sie es in der Erreichung dieses Zieles).

 

Quelle:
Pliszka, S. R., Carlson, C. L. & Swanson, J. M. (1999). ADHD with comorbid disorders. New York: Guilford.

Übersetzung: Katrin Kröger

 

 

Frölich und Mitarbeiter (2002) beschreiben Regeln zum pädagogischen Umgang von Lehrern mit hyperkinetisch-aufmerksamkeitsgestörten Kindern im Schulunterricht.

Unterrichtsbezogene Hilfen bei Kindern mit ADHS

Hilfen durch strukturierende Maßnahmen

  • Sitzplatz möglichst vorne neben ruhigerem Kind
  • Bewegungsdrang der Kinder evt. ausgleichen durch „Hilfsjobs“
  • einfache und klare Formulierung von Anweisungen
  • Festlegen allgemeingültiger Regeln und sofortige Konsequenzen gegen Störverhalten während des Unterrichts
  • Rechtzeitige Ankündigung von Änderungen gewohnter Abläufe
  • Generierung von Verhaltensroutinen für Kind/ Jugendlichen
  • Vorausplanung für kritische Unterrichtsübergänge (z.B. Pausen)
  • Hilfe zur Selbstorganisation, Selbstmanagement (z.B. Erinnerungskärtchen)

Hilfen im Leistungsbereich

  • Gliederung des Unterrichts/ Stoffs in kleinere, überschaubare Einheiten
  • Rückführung komplexer Aufgabenstellungen in die wichtigsten Kernanforderungen
  • Einräumung von ausreichend Zeit für spezifische Aufgaben
  • explizite Aufforderung des Kindes, Aufgaben nochmals zu kontrollieren, ggf. Unterstützung
  • Häufige, unmittelbare, eindeutige Rückmeldung während des Unterrichts
  • Aktive Einbindung des Kindes/ Jugendlichen in den Unterricht: Fragen stellen, die eine aktive Antwort hervorrufen

Hilfen bei den Hausaufgaben

  • Führung eines Hausaufgabenheftes, ggf. Kontrolle der Eintragungen durch Lehrer, ggf. Gegenzeichnung durch Eltern
  • Einteilung der Hausaufgaben in kleine, überschaubare Einheiten mit unterschiedlichem Inhalt
  • Begrenzung der Hausaufgabenzeit entsprechend Lebensalter
  • Fester Hausaufgabenort, feste Hausaufgabenzeit
  • Kontrolle der Hausaufgaben durch Lehrer, Verstärkung der Bemühungen

Quelle:
Frölich, J., Döpfner, M., Biegert, H., & Lehmkuhl, G. (2002). Praxis des pädagogischen Umgangs von Lehrern mit hyperkinetisch-aufmerksamkeitsgestörten Kindern im Schulunterricht. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 51, 494-506.

Im Onlineshop des ADHS-Deutschland e.V. finden Sie einen tabellarischen und stichpunktartigen Ratgeber mit Tipps für den Umgang mit ADS-Kindern im Unterricht.

Interventionstabelle für Lehrerinnen und Lehrer“ (Preis: € 1.50).


Unter folgendem Link finden Sie Tipps für den Umgang mit ADHS-Kindern in der Schule:

101 Wege Kindern mit ADHS beim Lernen zu helfen